Mittwoch, 24. Mai 2017

Grüße aus Polen

Nun bin ich wieder in Polen. Das Goetheinstitut Krakau (danke, Herr Schmidt!) hat verschiedene Lesungen an verschiedenen Orten und Schulen für mich organisiert.




Ich beginne mit einer Lesung am Publiczne Gimnaszjum in Biala, einem kleinen Ort in der Nähe von Oppeln. Hier gibt es viele Schüler, die so richtig toll deutsch sprechen können – Deutsch als Minderheitensprache. Sie reden es mit ihren Eltern oder Großeltern. Die Lesung – ich lese aus der Lektüre „Der neue Bruder“ - ist unglaublich nett. Die Schüler haben sich mit interessanten Fragen vorbereitet, ein Schüler hat Muffins mit meinen Initialen für mich gebacken, und es gibt kleine Unterbrechungen durch Musikstücke auf der Geige. Ich empfinde es als großes Geschenk, hier zu Gast zu sein.



Anschließend bin ich am Publicze Gimnazjum in Strzeleczki zu Besuch. Auch hier sind die Schüler total aufmerksam, so ruhig, dass ich immer mal wieder gucken muss, ob sie auch da sind. 
Ich stelle ihnen verschiedene Bücher vor, und sie entscheiden sich für eine Lesung aus dem Buch „Aber ich bin doch selbst noch ein Kind.“ Es sind ausgerechnet zwei Jungen, die sich dieses Buch wünschen und die anderen mitreißen. Ich freue mich total darüber.
Anschließend sitzen wir noch lange zusammen und lassen die Lesung ausklingen. Dann geht es weiter zu meinem nächsten Termin in Przeginia.


Samstag, 20. Mai 2017

Wie sind sie, die Goth’schen


Ist euch schon mal aufgefallen, wie cool das Autokennzeichen von Gotha aussieht? GTH, das sieht irgendwie so akademisch aus - wie Theologe oder Theater, diese TH-Rechtschreibung, die viele Kinder heute nicht mehr gebacken kriegen, weil sie in der Schule gelernt haben, so zu schreiben, wie man spricht. GTH hebt sich schick gegen die eher schlichten Autokennzeichen der Nachbarstädte ab: EA oder EF, ehrlich, das sieht ein bisschen einfallslos aus.
Umso mehr hat es mich aus den Puschen gehauen, als ich hörte, dass sich die Gothaer Einwohner „Die Goth’schen“ nennen. Ich versuchte, den Ursprung des Wortes herauszufinden, aber es erschloss sich keine seriöse Quelle. Wenn man ehrlich ist, hört sich dieses Wort an, als wenn ein Erfurter Bürger 1724 etwas zu lange im "Königssahl" in der Sonne gesessen hat und nach dem sechsten Humpen frisch gezapftem Bieres versuchte zu sagen: „Goodaer Bier is unaareichd, zwei weern gedrunken und viere geseichd“. Er verhaspelte sich aber bei den vielen Vokalen des Wortes Goodaer – und brachte nur noch ein Goodsch heraus.
Okay, die Quelle zu dieser Geschichte ist nicht überliefert, aber genauso könnte es sich zugetragen haben. Und damit war der Begriff „Gothsch“ geprägt und ist bis heute erhalten.
Wie sind sie eigentlich, diese Gothschen? Diese Frage stelle ich mir immer mal wieder, wenn ich so auf dem Buttermarkt sitze und die Menschen um mich herum betrachte.
Natürlich will ich mir nicht anmaßen, an dieser Stelle eine Charakteristik eines typischen Gothschen zu erstellen, schon gar nicht bin ich in der Lage, einen Erfurter von einem Eisenacher oder einen Gothschen von einem Ilmenauer zu unterscheiden. Was ich aber sagen kann ist, dass die Menschen in meinem Heimat-Bundesland Westfalen* anders sind. In Westfalen ist man eher stur. Wenn man an der Bushaltestelle auf zwei weitere Wartende trifft, schaut einer in die Luft, der andere auf seine Schuhe. Geredet wird nicht. Und wenn kein Bus kommt, sagt man nach einer Stunde: „Warten Sie auch?“
Die Thüringer sind anders. Sie reden. Nicht so viel wie die Rheinländer, nicht so geschwätzig wie die Schwaben, aber sie mischen sich ein und nehmen Anteil.
Wenn man mal wieder am Bertha-von-Suttner-Platz auf das Grün der Ampel wartet, sagen sie: „Das dauert mal wieder.“ Und wenn ich durch die Erfurter Straße gehe, kann es sogar passieren, dass jemand auf mich zukommt, mir die Hand gibt und sagt: „Mensch, ich kenne Sie doch aus der Zeitung. Sie sind doch die Stadtschreiberin.“ Und wenn ich dann frage: „Und wer sind Sie“, dann sagen sie: „Ach, das ist nicht so wichtig.“
Sie tragen nicht ihr Herz auf der Zunge, aber sie sind direkt und ehrlich. Ich mag das, und ich finde es einfach, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Überhaupt bin ich erstaunt, wie leicht es mir gemacht wird, hier Kontakt zu finden. Schon richtig liebe Freundschaften sind entstanden. Darüber bin ich sehr froh, denn ihr wisst ja, als Westfale … (siehe*).
Aber manchmal macht mich diese direkte Art im Umgang auch echt sprachlos. Da war zum Beispiel folgende Situation: Ich ging vom Rathaus zum Brühl rüber, die Post unter dem Arm. Ich hatte supergute Laune, die Sonne schien und ich hatte gerade die Belegexemplare eines neuen Buches bekommen. Plötzlich stellte sich mir ein Mann in den Weg. „Sagen Sie mal“, fragte er. „Sind Sie wohl noch zu haben?“ Und obwohl ich eigentlich nicht auf den Mund gefallen bin, fiel mir diesmal echt keine schlagfertige Antwort ein. Von Andreas Cramer lernte ich aber ein wichtiges gothsches Lebensmotto: „Liewer wiesawie wie dichd darbie.“
In diesem Sinne herzliche eingegoth’schte Grüße.


(Einen lieben Dank an Andreas Cramer für seine Einführung in die gothsche Sprache)

Montag, 15. Mai 2017

Helikoptermütter



Am Freitag erhalte ich die Mail einer besorgten Mutter. Ihr Sohn muss im Unterricht mein Buch „Im Chat war er noch so süß“ lesen. Bevor er es liest, hat es die Mutter gelesen, und nun ist sie mehr als beunruhigt. Einmal ist da die große Angst, ihr Sohn werde durch meine Lektüre zum Chatten gezwungen, um das Buch überhaupt verstehen zu können. Da er aber nicht chattet, könnte das einen großen Konflikt darstellen.
Zum anderen verhält sich die Protagonistin Sarah nach Meinung der Mutter äußert problematisch, da sie sich mit ihrem Problem nicht ihren Eltern anvertraut. Das findet die Mutter pädagogisch bedenklich, und sie hat Angst, dass ich den Kindern durch mein Buch suggeriere: Was immer auch passiert, sagt es nicht euren Eltern.
Ich schreibe der Mutter zurück. Es sei nicht die Aufgabe eines Autors, einen Protagonisten zu erschaffen, der sich pädagogisch korrekt verhält, teile ich ihr mit. Vielmehr gehe es darum, dass sich ein Leser in eine andere Person hineinfühlt, nicht dass er sie imitiert, aber dass er ihre Handlung nachvollziehen und später auch kritisch beurteilen kann.
Und was das Chatten betrifft, sei es nicht nötig zu chatten, um das Buch zu verstehen. Wichtig sei einzig und allein, dass man es selbst liest.
Die Mutter antwortet nicht mehr.

(Auf dem Foto seht ihr übrigens mich mit meinem Sohn Nils, der mich am Wochenende besucht hat. Im Hintergrund Erfurt)

Mittwoch, 10. Mai 2017

Bücherwürmer in der Familie



Eigentlich hatte ich mich längst damit abgefunden, in einer Familie mit Bücherignoranten zu leben. Besonders was das Lesen meiner eigenen Bücher betraf, traf ich immer wieder lediglich auf höflich Gesichter, aber nie auf Leser. „Was? Das Buch hast du wieder geschrieben. Oh ja … sehr… äh … toll …“ Und dann blätterten sie höflich lächelnd das Buch durch und warteten auf den Moment, es wieder zur Seite legen zu können, ohne mich zu beleidigen.
Nun aber habe ich endlich Verstärkung bekommen – in meinem jüngsten Enkelkind Jonte. Nach den Wörtern „Mama“, „Papa“ und „Eis“ war „Buch“ das vierte Wort, das er sprechen konnte. Und schon als man sich noch gar nicht sicher war, was er eigentlich erkennen konnte, steckte er seine kleine Nase in alle nur erdenklichen Wimmelbücher und ließ sie sich von seinen Eltern erklären.
Jetzt ist ein Tag ohne Buch für ihn gar nicht mehr denkbar. Schon nach dem Aufwachen schleppt er mindestens fünf Büchern ins Bett seiner Eltern. „Buch singen“, sagt er. Offenbar klingen die Reime wie Musik in seinen Ohren. Seine Eltern sehen noch ziemlich verschlafen aus – immerhin ist es sechs Uhr morgens – aber sie „singen“. Sie singen ganze Arien von Büchern rauf und runter. Jonte lauscht und schaut mit weit aufgerissenen blauen Augen auf die Seiten.
Längst können seine Eltern alle Bücher auswendig, selbst Jonte kann die letzten Reime mitsprechen. Und wenn sie ihm etwas Gutes tun wollen, schenken sie ihm ein neues Buch. Buchhandlungen sind ein Fest für Jonte, und es gibt jedes Mal ziemliche Verhandlungen, damit er tatsächlich erst mal nur ein Buch mitnimmt.
Für mich könnte das echt ein Anreiz werden, mit dem Reimen anzufangen – allerdings bin ich nie über das Reimen von Geburtstagsgedichten hinweggekommen… und ob sich Jonte auf das Niveau einlässt, ist fraglich. Aber für später sehe ich endlich mal die Chance auf mich zukommen, dass jemand in meiner Familie meine Bücher liest!


Sonntag, 7. Mai 2017

Gothardusfest


Wenn das Stadtfest schon mitten unter dem Fenster der Stadtschreiberwohnung stattfindet, muss man natürlich mitnehmen, was sich bietet. Hier ein paar Eindrücke. 






Und mit der Familie gab es auch noch ein paar ruhige Momente im Tierpark und im Schlosspark.

Samstag, 6. Mai 2017

Gothas Bürgermeister im Interview

„Wie heißt eigentlich der Bürgermeister von Bad Lippspringe?“, frage ich meinen Mann beim Abendessen. Bad Lippspringe ist unsere Heimatstadt. Wir überlegen einen Moment lang. „Ich komme gleich drauf…“ und erinnern uns schließlich an den Nachnamen. Bei dem Vornamen schwanken wir zwischen Martin und Andreas.
Der Name des Oberbürgermeisters von Gotha ist mir dagegen schon nach wenigen Tagen meiner Ankunft geläufig. Das liegt natürlich einmal daran, dass mir Knut Kreuch die Urkunde zur Stadtschreiberin übergibt und eine prägnante Rede hält, er ist aber auch sonst in der Stadt in aller Munde.
„Wenn du jemanden für deine Kolumne brauchst, muss du unbedingt Knutschi interviewen“, sagt eine liebe Bekannte zum Beispiel lachend, und ich brauche eine Weile, bis ich kapiere, dass sie damit Knut Kreuch meint. Knutschi – das hört sich irgendwie ziemlich persönlich an. Es ist auf alle Fälle ein Mensch zum Anfassen und Gerne-mögen.
An einem anderen Tag werde ich Zeuge eines Streits auf der Straße. Ein Passant ruft einem Hundebesitzer zu, er möge doch seinen Hund an die Leine nehmen, aber der antwortet erbost: „Das soll mir der Kreuch erst mal persönlich sagen. Eher tue ich es nicht.“ Spätestens an dieser Stelle wird mir klar, welche ganz persönlichen Ansprüche so einige Menschen auch an ihn haben.
Knut Kreuch kennt also jeder, und jeder schmunzelt, wenn er mal wieder sein bekanntes Zitat bringt, dass Gotha eigentlich die Wiege Europas und auch der Mittelpunkt Deutschlands ist. In Zeiten der Globalisierung ist es vielen wichtig, einen Ort zu haben, mit dem sie verwurzelt sind. Knut Kreuch ist das in seiner Stadt ganz bestimmt. Er kennt jeden Winkel der Stadt und als Hobby-Historiker ist er auch in Sachen Heimatkunde nahezu unschlagbar.
Knut Kreuch lädt mich in sein beeindruckendes Arbeitszimmer ein und lässt sich von mir interviewen. Wie er sich seine große Beliebtheit erkläre, will ich wissen. Er sieht sie darin begründet, dass er ein Mensch zum Anfassen geblieben ist, ein bodenständiger Typ, dem seine Heimatstadt am Herzen liegt. Das spüren die Menschen, und das macht das große Vertrauen aus, das sie in ihn setzen. So wird er 2006 mit großer Mehrheit und 2012 mit noch größerer Mehrheit wiedergewählt, eine Wahl die ihn überrascht, rührt und die er als große Ehre empfindet.
Als Oberbürgermeister einer Stadt muss man oft schwierige Entscheidungen treffen. Am schwersten fallen ihm natürlich Personalentscheidungen, besonders dann, wenn man gezwungen ist, sich von Mitarbeitern zu trennen. Aber auch den unglaublich vielen Ansprüchen der Bürger gerecht zu werden, beschäftigt ihn sehr. Der eine will eine Verkehrsberuhigung für seinen Ort, der andere dagegen eine Durchfahrtsstraße, immer das, was man nicht hat, wird beklagt. Da muss man schon auch mal die Schultern zucken und sich nicht für alle Probleme der Welt verantwortlich fühlen, und genau das fällt Kreuch nicht so leicht.
Der Oberbürgermeister arbeitet kontinuierlich daran, Gotha weiter zu entwickeln, neue Firmenstandorte zu erschließen und Arbeitsplätze an den Ort zu binden. Ein großer Wunsch ist es natürlich, eine Fachhochschule oder Universität zu bekommen, aber davon träumen viele Städte und das Durchsetzen dieser Ideen ist nicht so einfach. Trotzdem braucht man auch Visionen, um einen Ort auf Jahre hin weiter nach vorn zu bringen.
„Mit welcher Figur der Gothschen Geschichte empfinden Sie die größte Sympathie“, ist meine letzte Frage. Die Antwort überrascht mich total. Knut Kreuch nennt die „Frau Hildegard“ als seine größte Sympathieträgerin. Von dieser Frau, einer einfachen Frau aus Gotha, ist nur der Vorname bekannt. Sie schenkte der Heiligen Elisabeth im 12. Jahrhundert ein Grundstück mit einem Haus in der Gotharer Innenstadt im Brühl, aus dem später das Maria-Magdalenen-Hospital entstand. Ihrer Großherzigkeit erwies sich als ungeheuer weitsichtig und ermöglichte es, dass ein Ort entstand, der vielen Menschen eine große Hilfe war. Es ist diese Klugheit und Uneigennützigkeit, die Kreuch imponiert. Sein großer Wunsch ist es, dass man wegkommt vom kleinen egoistischen Nur-an-sich-selbst-Denken hin zu der Erkenntnis, dass man auch als einzelner Bürger viel für die Gemeinschaft tun kann, wenn man erst mal bereit ist, über seinen Tellerrand zu schauen.


Donnerstag, 4. Mai 2017

Eine Stadt in Aufregung

 

Als ich heute Morgen vor die Tür trat, fiel mir spontan das Lied „Paris s‘ eveille“ von Jacque Dutronc ein, in dem er anschaulich beschreibt, wie in Paris morgens um fünf das Leben erwacht. Hier vor meiner Haustür war nämlich ein kleiner Pariser Gourmet-Käsemarkt entstanden. 

Meine Kurzzeitheimat Gotha rüstet sich für das große Gothardusfest, das das ganze Wochenende andauern wird. Es ist spannend, so mitten zwischen dem Trubel zu wohnen und mitzukriegen, wie die Stadt in Betriebsamkeit verfällt. Schausteller bauen ein Riesenrad auf, Bühnen werden errichtet, Plätze vermessen. Jeder hat seine Aufgabe – nur ich habe ein bisschen Sorge, wie voll es wohl werden wird, und ob ich es schaffe, einen Parkplatz für meine Familienangehörigen in der Stadt zu ergattern.

Montag, 1. Mai 2017

Sekundenschlaf



Als ich auf der Leipziger Buchmesse war, geriet ich eher ein bisschen zufällig in einen Vortrag über Schlaf, der mich seitdem immer wieder beschäftigt. Ich gehöre zu den Menschen, die schlecht schlafen, und die Nächte, in denen ich durchschlafe, sind absolute Ausnahmen. Aber so schlimm ist das nicht. Viele Romane haben sich auf die Weise weiterentwickelt.
Geschockt hat mich aber dann ein Bericht über den Sekundenschlaf am Steuer.
„Wenn Sie auf einer Autobahn in Frankreich einen Reifenwechsel vornehmen, werden Sie nach 20 Minuten von jemandem überfahren, der am Steuer eingeschlafen ist“, behauptet die Referentin.
Da bin ich verdammt froh, dass ich die Sache mit dem Reifenwechsel sowieso nicht gebacken kriege. Trotzdem bin ich nach dieser Aussage echt geschockt. Ich google sie nicht auf ihre Richtigkeit, ich gehe einfach mal davon aus, dass verdammt viele Menschen tatsächlich kurz hinter dem Steuer einnicken. Und einmal, (ist schon lange her, sitzt mir aber noch in den Knochen!) fand ich mich selbst auf der Gegenseite einer Bundesstraße wieder, auf der mir ein Auto hupend entgegenkam.
Daran musste ich heute denken, als ich müde und durch eine Erkältung in meiner Wahrnehmung eingeschränkt die Autobahn entlangfuhr. Ich habe dann auf einem Rastplatz ein paar Minuten lang die Augen zugemacht, danach ein paar wilde Frischluftübungen durchgeführt und mir schließlich eine Cola gekauft. Das hat es echt gebracht.