Dienstag, 20. Juni 2017

Schutzengel



489 Kilometer Autobahnfahrt liegen vor mir. Nach hundert Kilometern Fahrt gibt mein Auto plötzlich seltsame Geräusche von sich. Es klingt zunächst, als wenn man über eine provisorische Fahrbahndecke fährt, ein dumpfes gleichmäßiges Brummen. So bleibt es lange Zeit, dann wird es allmählich lauter. Ich beobachte die Anzeigen – kein Lämpchen leuchtet irgendwo auf. Auch die Motorkühlung ist gleichbleibend. Mutig beschließe ich, weiter zu fahren. Es ist Sonntag, und ich habe keine Lust, auf irgendeinem Autohof stundenlang auf den ADAC zu warten.
Zuletzt ist das Auto total laut – aber ich komme auf dem Campingplatz meines Sohnes an, wenn auch schweißgebadet. Unser Platzarbeiter Florian übernimmt den Wagen, (perfekt, wenn man seine Angestellten hat), machte eine Probefahrt und untersucht die Räder. Dabei stellt er fest, dass am linken Vorderrad eine Radmutter fehlt und sich durch das Rütteln alle anderen Muttern auch gelockert haben.
In der vergangenen Woche hatte ich meine Reifen wechseln lassen. Da hat der KFZ-Meister wohl eine Schraube übergehabt.
Naja … kann ja passieren…  

Freitag, 16. Juni 2017

Häusle baue



Die Immobilienblase treibt täglich neue Blüten, besonders in den Großstädten, und führt dazu, dass diejenigen, die so dringend ein Haus mit Garten für ihre junge Familie brauchen, sich so etwas immer weniger leisten können.
Im Ruhrgebiet gibt es schon lange nichts Erschwingliches mehr. Wenn mal ein Haus angeboten wird, das irgendwie bezahlbar erscheint, muss man auf der Stelle zuschlagen und nicht lange überlegen: Oh wie riecht es denn hier – und ist vielleicht die Heizung alt – oder das Dach marode – oder der Keller feucht. Wenn man nicht auf der Stelle zuschlägt, macht es jemand anderes.
Mein jüngster Sohn lebt mit seiner Familie im Ruhrgebiet, und er wagte sich nun an einen Häuschenkauf – mit dem Erfolg, dass wir nun alle nach und nach auf der Leiter stehen, Kabel verlegen, Tapeten abziehen, Fliesen abschlagen, Badezimmer installieren und streichen. Es ist alles ein bisschen klebrig und muffig, aber das wird noch… Auf alle Fälle hat das Haus einen tollen großen Garten, und das hat ja schon mal eher Seltenheitswert im Ruhrgebiet.


Montag, 12. Juni 2017

To-Do-Liste



Wir haben noch keine 9.00 Uhr, und drei von neun wichtigen Punkten sind schon abgearbeitet. Wenn das so weitergeht, kann ich um 11.00 Uhr meine Schreibtischplatte hochklappen.
Wie anders ich doch arbeite, wenn ich mir morgens eine To-Do-Liste schreibe. Von „Romankapitel“ über „Quittungen in Steuertabelle einfügen“ bis zu „Arbeitsblättern für ein Kapitel schreiben“ ist alles dabei. Auch das Anrufen beim Radiologen gehört dazu. Wichtig ist nur, dass jeder Punkt überschaubar bleibt. Beim Roman gehe ich im 5-Seiten-Rhythmus voran, das Erstellen der Arbeitsblätter werden nie mehr als zwei. So kann jeder Punkt mit Schwung angegangen werden, ohne dass ich das Gefühl zu haben, mich in dem Tag zu verlieren. Auch „Blogbeitrag schreiben“ steht heute auf meiner Liste. Diesen Punkt kann ich aber nun auch streichen.

Mittwoch, 7. Juni 2017

Wieder zu Hause



Es ist immer ein spannender Moment, wenn man nach einer langen Reise zurückkehrt, der Blick ins Wohnzimmer auf die Blumen und die Postberge, die blinkende Telefonanlage und das Spinngewebe. Ich bin wieder da. Das Gefühl weiß man zu schätzen, wenn man lange unterwegs war.
Die Rosen im Garten leuchten in allen Farben. Es ist Sommer geworden. Als ich letztes Mal hier war, habe ich noch Winterschuhe angehabt. Sie stehen nun etwas deplatziert im Schuhschrank und sehen genauso unpassend aus, wie der Winteranorak an der Garderobe.
Leider ist nicht viel Zeit zum Genießen. Ich habe eine strenge To-do-Liste: Arztbesuch, Autowerkstatt, Perso verlängern lassen … doch auch Verabredungen mit Freunden und Verwandten sind mehr als überfällig.
Bei meiner Joggingrunde um den See merke ich, dass ich ziemlich kurzatmig geworden bin. 

Sonntag, 4. Juni 2017

Schriftsteller und die Eitelkeit


Schriftsteller sind Künstler, und Künstler sind in der Regel eitle Menschen. Das liegt in der Natur der Sache. Sie wählen eine Kunst, mit der sie sich nach außen präsentieren, schon allein dazu muss man ein ziemliches Selbstbewusstsein haben. Dabei geht es nicht darum, verstanden zu werden, es geht einfach darum, den Menschen zu zeigen: Guck mal, das ist von mir.
Wenn man allein auf diese vielen seltsamen modernen Kunstwerke in Gotha schaut -allein im Brühl stolpert man gleich über zwei - dann hätte man doch gerne jemanden an seiner Seite, der einem mal erklärt, was sich der Künstler dabei gedacht hat (und ob er sich überhaupt etwas gedacht hat.)
Auch Schriftsteller können schrecklich penetrant sein. Viele nerven immer wieder damit, von ihrem neusten Roman zu erzählen, ich hatte sogar einen eitlen Bekannten, der an meinem Geburtstag aus seinem neusten Buch vorlesen wollte. Ich habe ihn nicht wieder eingeladen, schließlich hatte ja ich Geburtstag!
Wie es um meine persönliche Eitelkeit bestellt ist, kann ich nicht so genau sagen. Ich hoffe mal, dass ich nicht ganz so penetrant bin (als Frau und als Kinderbuchautorin), aber ich reagiere auch schnell total gekränkt, wenn jemand mein Schreiben kritisiert, und als mir vor kurzem mal ein Verlag das Cover meines neusten Buches als Vorschlag zuschickte, fiel mir sofort auf, dass mein Name falsch geschrieben war. Anette mit einem n. Das sieht aber auch wirklich unvollständig aus!


Eine Ausnahme unter den Schriftstellern muss Wilhelm Hey gewesen sein. Vielleicht lag es daran, dass er sein Schreiben in den Dienst der Pädagogik gestellt hat. Seine Fabeln und Gedichte sollten den Schülern die Freude an er Natur vermitteln. Auch kleine Lehren sind mit den Texten verknüpft, wie zum Beispiel, dass man die Natur schützen oder das schwächere Lebewesen achten muss.
Wilhelm Hey hat seine Texte nicht archiviert und sein Lebenswerk an eine Nachkommenschaft übergeben, die es schützen sollte. Er hat sich auch nicht in Tagebüchern verewigt. Über ihn etwas herauszufinden, ist kleinschrittige mühevolle Arbeit. Umso erstaunlicher, dass sich um diesen bescheidenen Mann, der vergänglich sein wollte, eine Gruppe an Menschen gebildet hat, die Nachforschungen über sein Leben angestellt haben und es zu einem kleinen und feinen Museum zusammengetragen haben.
An einem sonnigen Nachmittag im Mai besuche ich die „Wilhelm-Hey-Gesellschaft“ in Leina, wo der Pfarrerssohn aufgewachsen ist. Johann Wilhelm Hey hat kein einfaches Leben, verliert früh seine Eltern und wächst bei seinem Bruder auf. Er wird dann Lehrer, studiert schließlich Theologie und übernimmt eine Pfarrerstelle in der Nähe von Gotha. Mit seinen Fabeln für Kinder wird er weltbekannt. Sie werden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Es rührt mich, dass sich ausgerechnet um diesen bescheidenen Autor, der so gar kein Aufhebens von seinem Wirken macht, ein Kreis an Menschen gefunden hat, die sich um seinen Nachlass kümmern und ihn verwalten.
Ich sitze mit Dieter Vogel, Ingrid Schwarz und Christel und Reinhard Kratochwil zusammen bei Kaffee und Kuchen unter der großen Linde im schönen Garten im beschaulichen Leina und kann ein bisschen nachvollziehen, wie es ihm hier in dem Pfarrhaus gegangen ist. Später bekomme ich sogar noch eine unglaubliche Vorstellung von einem „Fabelhaften Heytheater“, wie die Gesellschaft es nennt. Hier sind Bilder auf einer Leinwand angebracht, die durch eine ganz besondere Mechanik an einem vorbeiziehen, während gleichzeitig der Text verschiedener Fabeln gelesen wird. Das ist wirklich eindrucksvoll.
Irgendwie haben diese netten Menschen der Wilhelm Hey Gesellschaft genauso viel freundliche Bescheidenheit wie der Dichter selbst, sodass man sagen kann: Wie schön, dass sie zueinander gefunden haben. Sie haben einander verdient.


Freitag, 2. Juni 2017

Pfingsten


 

Pfingsten steht an. Ich befinde mich zur Zeit wieder auf dem Eurocamp, dem Campingplatz meines ältesten Sohnes, bereit, mal wieder das letzte zu geben. Hier ist ab heute Nachmittag jede Hand, jedes Bein und vor allem jeder Kopf gefragt. Pfingsten bedeutet für jeden Campingplatz die Reisewelle schlechthin. Gruppen, Familien und Einzelpersonen sind mit Zelt, Wohnwagen oder Wohnmobil unterwegs, besonders, wenn das Wetter schön ist. Wir sind bis auf den letzten Platz ausgebucht. Hoffentlich ist keine Panne passiert und es gibt eine Doppelbelegung. Dann muss der private Garten herhalten ; ))
Gestern haben wir noch mal genaue Arbeitspläne besprochen. Jetzt kann es losgehen.
Ich werde nur wenig zum Schreiben kommen, ein Gedanke, der mich immer ein bisschen ängstlich macht. Denn ein Tag ohne schreiben ist irgendwie fast ein bisschen sinnfrei, oder? 

Sonntag, 28. Mai 2017

Reiterferien


In dieser Woche erfülle ich mir mal einen ganz persönlichen Wunsch und begleite eine Kindergruppe auf einen Reiterhof in Südbrandenburg.


Hier gibt es neben normalen Großpferden auch einige Islandpferde. Ich genieße es, mal wieder durch die Gegend zu tölten. Außerdem ist die Kindergruppe echt inspirierend für weitere Bücher. 

Samstag, 27. Mai 2017

Zuletzt Kattowitz



Zuletzt erwartet mich leider Regen, sodass ich von Kattowitz nicht besonders viel zu sehen bekommen. Da ich sowieso ein bisschen Angst habe, mich in dieser großen Stadt zu verirren, bleibe ich in Hotelnähe, in der sich auch das Liceum befindet. Abends treibt dann eine Mail des Leiters vom Goetheinstitut in Krakau meinen Blutdruck in die Höhe. Zu der Lesung werden ca. 100 Schüler aus verschiedenen Schulen in der Aula erwartet. 100 Schüler? Das ist der Wahnsinn.  Aber ich versuche mich zu beruhigen: Oberschlesien, da sprechen die meisten Schüler doch sicherlich Deutsch als Zweitsprache. Als ich am nächsten Morgen in der Schule ankomme, kriege ich den zweiten Schock: Die Schüler, so erfahre ich, haben alle Deutsch als Fremdsprache, viele sind auf dem Niveau A1 oder A 2, aber „Sie schaffen das schon. Sie müssen nur ganz langsam sprechen.“ Und dann baut mir der Hausmeister auch noch ein Mikrofon auf der Bühne auf.
Es sind dann doch „nur“ 80 Schüler, die gekommen sind. Und es geht tatsächlich alles gut. Ganz ohne Bühne und Mikrofon. Ich stelle mich vor die Bühne und erzähle und zeige und lese sehr sehr langsam aus „Merkt doch keiner, wenn ich schwänze.“ Ich sehe den Schülern an, dass sie die Geschichte verstehen. Jetzt zahlt es sich aus, dass ich keinen Dialekt spreche. Die Lehrer melden mir zurück, dass ich so ganz einfach und klar geredet habe.
Zum Abschluss gibt es sogar noch Fragen der Schüler, auf Deutsch und durch ein Mikrofon, das die Lehrerin herumreicht. Ich bin danach total erleichtert und ein bisschen euphorisch…


Donnerstag, 25. Mai 2017

Grad gestohlen - schon in Polen

 

In Deutschland hält sich das Vorurteil seit Jahrhunderten, dass dir die Polen dein Auto klauen, wenn du es eine Zehntelsekunde aus den Augen gelassen hast. Wie oft wurde mir schon vor einer Polenreise gesagt: Pass auf dein Auto auf, nachher hast du zwei dastehen … höhöhö, wie witzig.
Um endlich mal diesen Vorurteilen ein Ende zu bereiten lasst euch sagen: Die Polen haben es nicht nötig, Autos zu klauen, sie fahren nämlich selbst ganz neue Fahrzeuge. Auch der Lebensstandard der Polen kann locker mit uns Deutschen mithalten. Es gibt dort alles, was es hier gibt, oft findet man sogar all diese Filialen in den Städten, die man überall auf der Welt findet, angefangen vom Lidl, über H&M bis hin zu C&A. Allerdings alles für moderate Preise.
Auf meiner Lesereise durch Polen wurde mir jedenfalls immer wieder die Frage gestellt, welchen Eindruck ich von ihrem Land habe. Ich kann nur sagen: Es ist wunderschön, und die Gastfreundschaft ist liebenswert.
Das untere Foto ist am
Publiczne Gimnazjum in Przegini entstanden. 


Mittwoch, 24. Mai 2017

Grüße aus Polen

Nun bin ich wieder in Polen. Das Goetheinstitut Krakau (danke, Herr Schmidt!) hat verschiedene Lesungen an verschiedenen Orten und Schulen für mich organisiert.




Ich beginne mit einer Lesung am Publiczne Gimnaszjum in Biala, einem kleinen Ort in der Nähe von Oppeln. Hier gibt es viele Schüler, die so richtig toll deutsch sprechen können – Deutsch als Minderheitensprache. Sie reden es mit ihren Eltern oder Großeltern. Die Lesung – ich lese aus der Lektüre „Der neue Bruder“ - ist unglaublich nett. Die Schüler haben sich mit interessanten Fragen vorbereitet, ein Schüler hat Muffins mit meinen Initialen für mich gebacken, und es gibt kleine Unterbrechungen durch Musikstücke auf der Geige. Ich empfinde es als großes Geschenk, hier zu Gast zu sein.



Anschließend bin ich am Publicze Gimnazjum in Strzeleczki zu Besuch. Auch hier sind die Schüler total aufmerksam, so ruhig, dass ich immer mal wieder gucken muss, ob sie auch da sind. 
Ich stelle ihnen verschiedene Bücher vor, und sie entscheiden sich für eine Lesung aus dem Buch „Aber ich bin doch selbst noch ein Kind.“ Es sind ausgerechnet zwei Jungen, die sich dieses Buch wünschen und die anderen mitreißen. Ich freue mich total darüber.
Anschließend sitzen wir noch lange zusammen und lassen die Lesung ausklingen. Dann geht es weiter zu meinem nächsten Termin in Przeginia.


Samstag, 20. Mai 2017

Wie sind sie, die Goth’schen


Ist euch schon mal aufgefallen, wie cool das Autokennzeichen von Gotha aussieht? GTH, das sieht irgendwie so akademisch aus - wie Theologe oder Theater, diese TH-Rechtschreibung, die viele Kinder heute nicht mehr gebacken kriegen, weil sie in der Schule gelernt haben, so zu schreiben, wie man spricht. GTH hebt sich schick gegen die eher schlichten Autokennzeichen der Nachbarstädte ab: EA oder EF, ehrlich, das sieht ein bisschen einfallslos aus.
Umso mehr hat es mich aus den Puschen gehauen, als ich hörte, dass sich die Gothaer Einwohner „Die Goth’schen“ nennen. Ich versuchte, den Ursprung des Wortes herauszufinden, aber es erschloss sich keine seriöse Quelle. Wenn man ehrlich ist, hört sich dieses Wort an, als wenn ein Erfurter Bürger 1724 etwas zu lange im "Königssahl" in der Sonne gesessen hat und nach dem sechsten Humpen frisch gezapftem Bieres versuchte zu sagen: „Goodaer Bier is unaareichd, zwei weern gedrunken und viere geseichd“. Er verhaspelte sich aber bei den vielen Vokalen des Wortes Goodaer – und brachte nur noch ein Goodsch heraus.
Okay, die Quelle zu dieser Geschichte ist nicht überliefert, aber genauso könnte es sich zugetragen haben. Und damit war der Begriff „Gothsch“ geprägt und ist bis heute erhalten.
Wie sind sie eigentlich, diese Gothschen? Diese Frage stelle ich mir immer mal wieder, wenn ich so auf dem Buttermarkt sitze und die Menschen um mich herum betrachte.
Natürlich will ich mir nicht anmaßen, an dieser Stelle eine Charakteristik eines typischen Gothschen zu erstellen, schon gar nicht bin ich in der Lage, einen Erfurter von einem Eisenacher oder einen Gothschen von einem Ilmenauer zu unterscheiden. Was ich aber sagen kann ist, dass die Menschen in meinem Heimat-Bundesland Westfalen* anders sind. In Westfalen ist man eher stur. Wenn man an der Bushaltestelle auf zwei weitere Wartende trifft, schaut einer in die Luft, der andere auf seine Schuhe. Geredet wird nicht. Und wenn kein Bus kommt, sagt man nach einer Stunde: „Warten Sie auch?“
Die Thüringer sind anders. Sie reden. Nicht so viel wie die Rheinländer, nicht so geschwätzig wie die Schwaben, aber sie mischen sich ein und nehmen Anteil.
Wenn man mal wieder am Bertha-von-Suttner-Platz auf das Grün der Ampel wartet, sagen sie: „Das dauert mal wieder.“ Und wenn ich durch die Erfurter Straße gehe, kann es sogar passieren, dass jemand auf mich zukommt, mir die Hand gibt und sagt: „Mensch, ich kenne Sie doch aus der Zeitung. Sie sind doch die Stadtschreiberin.“ Und wenn ich dann frage: „Und wer sind Sie“, dann sagen sie: „Ach, das ist nicht so wichtig.“
Sie tragen nicht ihr Herz auf der Zunge, aber sie sind direkt und ehrlich. Ich mag das, und ich finde es einfach, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Überhaupt bin ich erstaunt, wie leicht es mir gemacht wird, hier Kontakt zu finden. Schon richtig liebe Freundschaften sind entstanden. Darüber bin ich sehr froh, denn ihr wisst ja, als Westfale … (siehe*).
Aber manchmal macht mich diese direkte Art im Umgang auch echt sprachlos. Da war zum Beispiel folgende Situation: Ich ging vom Rathaus zum Brühl rüber, die Post unter dem Arm. Ich hatte supergute Laune, die Sonne schien und ich hatte gerade die Belegexemplare eines neuen Buches bekommen. Plötzlich stellte sich mir ein Mann in den Weg. „Sagen Sie mal“, fragte er. „Sind Sie wohl noch zu haben?“ Und obwohl ich eigentlich nicht auf den Mund gefallen bin, fiel mir diesmal echt keine schlagfertige Antwort ein. Von Andreas Cramer lernte ich aber ein wichtiges gothsches Lebensmotto: „Liewer wiesawie wie dichd darbie.“
In diesem Sinne herzliche eingegoth’schte Grüße.


(Einen lieben Dank an Andreas Cramer für seine Einführung in die gothsche Sprache)

Montag, 15. Mai 2017

Helikoptermütter



Am Freitag erhalte ich die Mail einer besorgten Mutter. Ihr Sohn muss im Unterricht mein Buch „Im Chat war er noch so süß“ lesen. Bevor er es liest, hat es die Mutter gelesen, und nun ist sie mehr als beunruhigt. Einmal ist da die große Angst, ihr Sohn werde durch meine Lektüre zum Chatten gezwungen, um das Buch überhaupt verstehen zu können. Da er aber nicht chattet, könnte das einen großen Konflikt darstellen.
Zum anderen verhält sich die Protagonistin Sarah nach Meinung der Mutter äußert problematisch, da sie sich mit ihrem Problem nicht ihren Eltern anvertraut. Das findet die Mutter pädagogisch bedenklich, und sie hat Angst, dass ich den Kindern durch mein Buch suggeriere: Was immer auch passiert, sagt es nicht euren Eltern.
Ich schreibe der Mutter zurück. Es sei nicht die Aufgabe eines Autors, einen Protagonisten zu erschaffen, der sich pädagogisch korrekt verhält, teile ich ihr mit. Vielmehr gehe es darum, dass sich ein Leser in eine andere Person hineinfühlt, nicht dass er sie imitiert, aber dass er ihre Handlung nachvollziehen und später auch kritisch beurteilen kann.
Und was das Chatten betrifft, sei es nicht nötig zu chatten, um das Buch zu verstehen. Wichtig sei einzig und allein, dass man es selbst liest.
Die Mutter antwortet nicht mehr.

(Auf dem Foto seht ihr übrigens mich mit meinem Sohn Nils, der mich am Wochenende besucht hat. Im Hintergrund Erfurt)

Mittwoch, 10. Mai 2017

Bücherwürmer in der Familie



Eigentlich hatte ich mich längst damit abgefunden, in einer Familie mit Bücherignoranten zu leben. Besonders was das Lesen meiner eigenen Bücher betraf, traf ich immer wieder lediglich auf höflich Gesichter, aber nie auf Leser. „Was? Das Buch hast du wieder geschrieben. Oh ja … sehr… äh … toll …“ Und dann blätterten sie höflich lächelnd das Buch durch und warteten auf den Moment, es wieder zur Seite legen zu können, ohne mich zu beleidigen.
Nun aber habe ich endlich Verstärkung bekommen – in meinem jüngsten Enkelkind Jonte. Nach den Wörtern „Mama“, „Papa“ und „Eis“ war „Buch“ das vierte Wort, das er sprechen konnte. Und schon als man sich noch gar nicht sicher war, was er eigentlich erkennen konnte, steckte er seine kleine Nase in alle nur erdenklichen Wimmelbücher und ließ sie sich von seinen Eltern erklären.
Jetzt ist ein Tag ohne Buch für ihn gar nicht mehr denkbar. Schon nach dem Aufwachen schleppt er mindestens fünf Büchern ins Bett seiner Eltern. „Buch singen“, sagt er. Offenbar klingen die Reime wie Musik in seinen Ohren. Seine Eltern sehen noch ziemlich verschlafen aus – immerhin ist es sechs Uhr morgens – aber sie „singen“. Sie singen ganze Arien von Büchern rauf und runter. Jonte lauscht und schaut mit weit aufgerissenen blauen Augen auf die Seiten.
Längst können seine Eltern alle Bücher auswendig, selbst Jonte kann die letzten Reime mitsprechen. Und wenn sie ihm etwas Gutes tun wollen, schenken sie ihm ein neues Buch. Buchhandlungen sind ein Fest für Jonte, und es gibt jedes Mal ziemliche Verhandlungen, damit er tatsächlich erst mal nur ein Buch mitnimmt.
Für mich könnte das echt ein Anreiz werden, mit dem Reimen anzufangen – allerdings bin ich nie über das Reimen von Geburtstagsgedichten hinweggekommen… und ob sich Jonte auf das Niveau einlässt, ist fraglich. Aber für später sehe ich endlich mal die Chance auf mich zukommen, dass jemand in meiner Familie meine Bücher liest!


Sonntag, 7. Mai 2017

Gothardusfest


Wenn das Stadtfest schon mitten unter dem Fenster der Stadtschreiberwohnung stattfindet, muss man natürlich mitnehmen, was sich bietet. Hier ein paar Eindrücke. 






Und mit der Familie gab es auch noch ein paar ruhige Momente im Tierpark und im Schlosspark.

Samstag, 6. Mai 2017

Gothas Bürgermeister im Interview

„Wie heißt eigentlich der Bürgermeister von Bad Lippspringe?“, frage ich meinen Mann beim Abendessen. Bad Lippspringe ist unsere Heimatstadt. Wir überlegen einen Moment lang. „Ich komme gleich drauf…“ und erinnern uns schließlich an den Nachnamen. Bei dem Vornamen schwanken wir zwischen Martin und Andreas.
Der Name des Oberbürgermeisters von Gotha ist mir dagegen schon nach wenigen Tagen meiner Ankunft geläufig. Das liegt natürlich einmal daran, dass mir Knut Kreuch die Urkunde zur Stadtschreiberin übergibt und eine prägnante Rede hält, er ist aber auch sonst in der Stadt in aller Munde.
„Wenn du jemanden für deine Kolumne brauchst, muss du unbedingt Knutschi interviewen“, sagt eine liebe Bekannte zum Beispiel lachend, und ich brauche eine Weile, bis ich kapiere, dass sie damit Knut Kreuch meint. Knutschi – das hört sich irgendwie ziemlich persönlich an. Es ist auf alle Fälle ein Mensch zum Anfassen und Gerne-mögen.
An einem anderen Tag werde ich Zeuge eines Streits auf der Straße. Ein Passant ruft einem Hundebesitzer zu, er möge doch seinen Hund an die Leine nehmen, aber der antwortet erbost: „Das soll mir der Kreuch erst mal persönlich sagen. Eher tue ich es nicht.“ Spätestens an dieser Stelle wird mir klar, welche ganz persönlichen Ansprüche so einige Menschen auch an ihn haben.
Knut Kreuch kennt also jeder, und jeder schmunzelt, wenn er mal wieder sein bekanntes Zitat bringt, dass Gotha eigentlich die Wiege Europas und auch der Mittelpunkt Deutschlands ist. In Zeiten der Globalisierung ist es vielen wichtig, einen Ort zu haben, mit dem sie verwurzelt sind. Knut Kreuch ist das in seiner Stadt ganz bestimmt. Er kennt jeden Winkel der Stadt und als Hobby-Historiker ist er auch in Sachen Heimatkunde nahezu unschlagbar.
Knut Kreuch lädt mich in sein beeindruckendes Arbeitszimmer ein und lässt sich von mir interviewen. Wie er sich seine große Beliebtheit erkläre, will ich wissen. Er sieht sie darin begründet, dass er ein Mensch zum Anfassen geblieben ist, ein bodenständiger Typ, dem seine Heimatstadt am Herzen liegt. Das spüren die Menschen, und das macht das große Vertrauen aus, das sie in ihn setzen. So wird er 2006 mit großer Mehrheit und 2012 mit noch größerer Mehrheit wiedergewählt, eine Wahl die ihn überrascht, rührt und die er als große Ehre empfindet.
Als Oberbürgermeister einer Stadt muss man oft schwierige Entscheidungen treffen. Am schwersten fallen ihm natürlich Personalentscheidungen, besonders dann, wenn man gezwungen ist, sich von Mitarbeitern zu trennen. Aber auch den unglaublich vielen Ansprüchen der Bürger gerecht zu werden, beschäftigt ihn sehr. Der eine will eine Verkehrsberuhigung für seinen Ort, der andere dagegen eine Durchfahrtsstraße, immer das, was man nicht hat, wird beklagt. Da muss man schon auch mal die Schultern zucken und sich nicht für alle Probleme der Welt verantwortlich fühlen, und genau das fällt Kreuch nicht so leicht.
Der Oberbürgermeister arbeitet kontinuierlich daran, Gotha weiter zu entwickeln, neue Firmenstandorte zu erschließen und Arbeitsplätze an den Ort zu binden. Ein großer Wunsch ist es natürlich, eine Fachhochschule oder Universität zu bekommen, aber davon träumen viele Städte und das Durchsetzen dieser Ideen ist nicht so einfach. Trotzdem braucht man auch Visionen, um einen Ort auf Jahre hin weiter nach vorn zu bringen.
„Mit welcher Figur der Gothschen Geschichte empfinden Sie die größte Sympathie“, ist meine letzte Frage. Die Antwort überrascht mich total. Knut Kreuch nennt die „Frau Hildegard“ als seine größte Sympathieträgerin. Von dieser Frau, einer einfachen Frau aus Gotha, ist nur der Vorname bekannt. Sie schenkte der Heiligen Elisabeth im 12. Jahrhundert ein Grundstück mit einem Haus in der Gotharer Innenstadt im Brühl, aus dem später das Maria-Magdalenen-Hospital entstand. Ihrer Großherzigkeit erwies sich als ungeheuer weitsichtig und ermöglichte es, dass ein Ort entstand, der vielen Menschen eine große Hilfe war. Es ist diese Klugheit und Uneigennützigkeit, die Kreuch imponiert. Sein großer Wunsch ist es, dass man wegkommt vom kleinen egoistischen Nur-an-sich-selbst-Denken hin zu der Erkenntnis, dass man auch als einzelner Bürger viel für die Gemeinschaft tun kann, wenn man erst mal bereit ist, über seinen Tellerrand zu schauen.


Donnerstag, 4. Mai 2017

Eine Stadt in Aufregung

 

Als ich heute Morgen vor die Tür trat, fiel mir spontan das Lied „Paris s‘ eveille“ von Jacque Dutronc ein, in dem er anschaulich beschreibt, wie in Paris morgens um fünf das Leben erwacht. Hier vor meiner Haustür war nämlich ein kleiner Pariser Gourmet-Käsemarkt entstanden. 

Meine Kurzzeitheimat Gotha rüstet sich für das große Gothardusfest, das das ganze Wochenende andauern wird. Es ist spannend, so mitten zwischen dem Trubel zu wohnen und mitzukriegen, wie die Stadt in Betriebsamkeit verfällt. Schausteller bauen ein Riesenrad auf, Bühnen werden errichtet, Plätze vermessen. Jeder hat seine Aufgabe – nur ich habe ein bisschen Sorge, wie voll es wohl werden wird, und ob ich es schaffe, einen Parkplatz für meine Familienangehörigen in der Stadt zu ergattern.

Montag, 1. Mai 2017

Sekundenschlaf



Als ich auf der Leipziger Buchmesse war, geriet ich eher ein bisschen zufällig in einen Vortrag über Schlaf, der mich seitdem immer wieder beschäftigt. Ich gehöre zu den Menschen, die schlecht schlafen, und die Nächte, in denen ich durchschlafe, sind absolute Ausnahmen. Aber so schlimm ist das nicht. Viele Romane haben sich auf die Weise weiterentwickelt.
Geschockt hat mich aber dann ein Bericht über den Sekundenschlaf am Steuer.
„Wenn Sie auf einer Autobahn in Frankreich einen Reifenwechsel vornehmen, werden Sie nach 20 Minuten von jemandem überfahren, der am Steuer eingeschlafen ist“, behauptet die Referentin.
Da bin ich verdammt froh, dass ich die Sache mit dem Reifenwechsel sowieso nicht gebacken kriege. Trotzdem bin ich nach dieser Aussage echt geschockt. Ich google sie nicht auf ihre Richtigkeit, ich gehe einfach mal davon aus, dass verdammt viele Menschen tatsächlich kurz hinter dem Steuer einnicken. Und einmal, (ist schon lange her, sitzt mir aber noch in den Knochen!) fand ich mich selbst auf der Gegenseite einer Bundesstraße wieder, auf der mir ein Auto hupend entgegenkam.
Daran musste ich heute denken, als ich müde und durch eine Erkältung in meiner Wahrnehmung eingeschränkt die Autobahn entlangfuhr. Ich habe dann auf einem Rastplatz ein paar Minuten lang die Augen zugemacht, danach ein paar wilde Frischluftübungen durchgeführt und mir schließlich eine Cola gekauft. Das hat es echt gebracht. 

Donnerstag, 27. April 2017

Lesung im Frauenzentrum



Manchmal ist es echt beeindruckend, was einige Menschen ehrenamtlich auf die Beine stellen. Hier sind zum Beispiel Frau Böttcher und Frau Mohamad. Seit drei Jahren öffnen sie jeden Morgen um 10.00 Uhr das Frauenzentrum und ermöglichen es den Frauen in Gotha, sich hier zu treffen. Täglich wird ein wechselndes Programm geboten, das kreative Kurse, Sportangebote und Begegnungen zur Selbsthilfe anbietet. Einmal im Monat bemüht man sich auch um ein ganz besonderes Highlight. Heute war ich dieses Highlight, genauer gesagt eine Lesung bei mir.
Wir fanden uns in gemütlicher Runde ein, ich erzählte von meiner Arbeit und las dann aus zwei Büchern, die ich mit Jugendlichen zusammen geschrieben hatte. Zwischendurch gab es leckeren selbstgebackenen Kuchen bei gemütlichem Plausch.
Das wird sicherlich nicht mein letzter Besuch sein, zumal sie in direkter Nachbarschaft zu mir wohnen und wir uns aus dem Fenster über den Innenhof zuwinken können. 


Mittwoch, 26. April 2017

Comic-Romane für den Deutschunterricht

 
 



Nun habe ich mich an ein neues Genre gewagt: Den Comic-Roman. Er hat den riesigen Vorteil, dass er lustig und unterhaltsam ist und man darum auch mal schwierige Themen humorvoll angehen kann. Außerdem ist er natürlich ganz besonders für schlecht lesende Jugendliche und DaZ-Lerner geeignet, da die Zeichnungen oft selbsterklärend arbeiten und die Lesekompetenz nicht zu sehr strapaziert wird.  
Diese drei Bücher setzen sich mit dem Thema Integration auseinander, aber ich bin dieses Thema einfach mal etwas lustiger und unterhaltsamer angegangen, hoffe ich. Dabei kam mir meine langjährige Arbeit mit türkischen Schülern und meine Kontakte zu Flüchtlingen und ihren Lebensgeschichten sehr zugute. Als besonders hilfreich aber haben sich meine zahlreichen lustigen und schrägen türkischen Freundinnen und Freunden erwiesen, durch die ich zahlreiche Verständnisse und Missverständnisse zwischen den Kulturen kennengelernt habe.
Ein besonderer Dank geht auch an die Lektorin von Hase & Igel-Verlag, mit der ich mich so gut austauschen konnte. Außerdem liebe ich die köstlichen Zeichnungen von Cornelia Seelmann. Sie hat die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonisten einfach genial rübergebracht.
Für alle Bücher gibt es auch Begleitmaterial für den Unterricht.
 

Dienstag, 25. April 2017

Wieder in Gotha



Nun bin ich wieder in Gotha. Der Frühling ist inzwischen angekommen. An jeder Ecke blühen Blumen, die Menschen sitzen auf dem Markplatz – die Stadt ist aus dem Winterschlaf erwacht.
Die große Vorhalle des ehemaligen Maria-Magdalena-Hospitals, von wo aus es in meine Autorenwohnung geht, erstrahlt in neuem Glanz. Ich freue mich über den netten Überraschungsgruß.
In zehn Tagen steht hier das große Gothardusfest an. Das ist so eine Art Zeitrechnung hier in Gotha. Es gibt eine Zeit davor und eine danach. Ich werde es diesmal erleben. 


Sonntag, 23. April 2017

Glaubst du an einen Gott


 
Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe stehe ich vor dem Gothaer Rathaus. Wir warten auf den Abendrundgang mit „Lucas Cranachs Schwiegervater“, eine dieser schönen Spaziergänge im Kostüm auf den Spuren Lucas-Cranachs. Bevor es losgeht, lauschen wir dem Glockenspiel, das über dem Markplatz ertönt und versuchen, die Melodie zu erkennen. Ich identifiziere das Lied: „Üb immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab“, was außer mir niemand zu kennen scheint. „So bibelfest sind wir nicht“, sagt ein Mann lachend.
Dass ich bibelfest bin, habe ich auch nicht gewusst.
Wir ziehen durch die Stadt und bleiben im Brühl vor einer Hausmarke stehen. Ob wir wissen, welche Geschichte hier abgebildet ist, werden wir gefragt. Ich bin offensichtlich die einzige, die die Geschichte aus dem Alten Testament kennt, in der der König Salomo androht, ein Kind mit einem Schwert zu teilen, weil zwei Frauen behaupten, die eigentliche Mutter zu sein.
Bibelfest! Jetzt glaube ich es schon fast selbst!
Allmählich werde ich nachdenklich. Bei uns zu Hause spielte die Religion eher eine untergeordnete Rolle. Zur Kirche gingen wir höchstens zu Weihnachten. Aber die biblischen Geschichten und Lieder gehörten zum Kindergarten- und Schulbesuch. Später kam der Konfirmandenunterricht dazu, in dem ich viele Geschichten aus dem alten und neuen Testament zu hören bekam. Die lernt man für‘s Leben, zumal viele biblische Geschichten immer wieder in der Musik, der Literatur oder der Kunst auftauchen. Trotzdem habe ich mich nie als besonders „bibelfest“ gesehen.
Eine Woche später bin ich zu einem Workshop zum Thema „Cybermobbing“ in der Stadtbibliothek. Bei einem Spiel über Ausgrenzung werden die Kinder eines 4. Schuljahres aufgefordert, verschiedene Fragen mit ja und nein zu beantworten und sich in einem Raum auf bestimmten Karten zu positionieren. Es geht um Fragen zur Internetbenutzung, zum Smartphone, aber auch zum Sport, zu allgemeinen Dingen … und dann kommt die Frage: „Glaubst du an einen Gott“. Während sich die beiden muslimischen Kinder ganz klar für „ja“ entscheiden, gesellen sich nur noch zwei weitere deutsche Kinder dazu, die restlichen zwanzig Kinder stehen bei „nein.“ Die Antworten sind keinesfalls zufällig, auch bei den kommenden zwei weiteren Klassen bekräftigt die Mehrheit der Schüler, nicht an Gott zu glauben.
Da ich ja nun selbst lange Grundschullehrerin war, kann ich sagen, dass diese Antwort an unserer Schule komplett anders ausgefallen wäre. Ich bin sogar sicher, dass alle meine Schüler geschlossen bei „Ja“ gestanden hätten. Nun gut, meine jetzige Heimat im Kreis Paderborn ist überwiegend katholisch geprägt. Die Schüler unserer Schule sind oft noch sehr mit ihrem Glauben verbunden. Besonders wenn sie im 3. Schuljahr waren und die Heilige Kommunion vor sich hatten, konnte man sie fast seligsprechen.
Dass hier in Gotha fast alle Schüler ganz fest von sich behaupteten, nicht an Gott zu glauben, bestürzte mich irgendwie. Natürlich, als Jugendlicher setzen im Glauben viele Zweifel ein und als Erwachsener hat man die Beziehung zu Gott oft verloren. Aber als Kind ohne einen Gott klar kommen zu müssen, erscheint mir irgendwie so schutzlos.

Als Kindergartenkind erlebt man vielleicht die Eltern noch als allwissend und Halt gebend, doch spätestens in der Grundschule spürt man, dass der Handlungsspielraum von Eltern begrenzt ist und Eltern einfach nicht alles können und wissen. Dann braucht man doch eigentlich jemanden, an den man sich wenden kann, wenn man mal wieder Mist gemacht hat, den keiner erfahren darf und hofft, er regelt das alles zum Besten. Und spätestens wenn man einen lieben Menschen verloren hat, spürt man doch nach der ersten tiefen Trauer diesen Wunsch, dass es da noch irgendetwas gibt, was nach dem Tod kommen könnte.
„Wenn du nicht an Gott glaubst, was machst du denn, wenn du mal Hilfe brauchst, und du weißt, dass deine Eltern dir nicht helfen können?“, frage ich das Mädchen, das neben mir sitzt. Sie schaut mich mit großen Augen an. „Glaubst du dann, dass es da jemanden gibt, der dir helfen kann?“ Das Mädchen nickt. „Aber wenn es dann nicht Gott ist, wer ist es dann?“, frage ich. Das Mädchen zuckt die Schultern. 

Mittwoch, 19. April 2017

Besuch beim Gyldendal-Verlag

Kopenhagen hatte ich mir immer nur bei Sonnenschein vorgestellt. Damit ich nicht enttäuscht war, präsentierte sich diese kleine lebendige Hauptstadt tatsächlich von seiner besten Seite – Sonne pur. Ich hatte den Morgen über Zeit, durch die Stadt zu schlendern, ließ mich treiben, stand immer mal wieder vor schönen Kirchen, königlichen Bauten und Kanälen. Als ich in der Stadt auf einer Bank in der Sonne saß, kam sogar die königliche Wachablösung höchstpersönlich direkt an mir vorbei. Sie spielten Musik, ein Zeichen dafür, dass die Königin im Moment in Kopenhagen ist, wie ich erfuhr.
Um 12.00 Uhr hatte ich mich dann mit meiner Lektorin Louise Berg Nielsen zum Mittagessen verabredet. Wir verstanden uns auf Anhieb total gut und hatten uns viel zu erzählen.



Dann ging es zum Verlag hinüber, der mitten im Zentrum Kopenhagens liegt. Es ist der größte und traditionsreichste dänische Verlag, ein ungewöhnliches Verlagsgebäude mit Kult-Atmosphäre.
Nachmittags waren dann die Deutschlehrer zur Präsentation der neu erschienenen Lektüren für den Deutschunterricht eingeladen. Ich las aus meiner Lektüre „Der neue Bruder“ vor, Rasmus Therkildsen stellte einen besonderen Reiseführer über Berlin vor, der von Elise Burmeister extra in einfachem Deutsch und mit vielen Zeichnungen und Fotos für dänische Schüler geschrieben war.
Das Publikum war aufmerksam und sehr freundlich.
Danke noch einmal für die liebe Einladung. Ich hatte eine gute Zeit.