Sonntag, 4. Juni 2017

Schriftsteller und die Eitelkeit


Schriftsteller sind Künstler, und Künstler sind in der Regel eitle Menschen. Das liegt in der Natur der Sache. Sie wählen eine Kunst, mit der sie sich nach außen präsentieren, schon allein dazu muss man ein ziemliches Selbstbewusstsein haben. Dabei geht es nicht darum, verstanden zu werden, es geht einfach darum, den Menschen zu zeigen: Guck mal, das ist von mir.
Wenn man allein auf diese vielen seltsamen modernen Kunstwerke in Gotha schaut -allein im Brühl stolpert man gleich über zwei - dann hätte man doch gerne jemanden an seiner Seite, der einem mal erklärt, was sich der Künstler dabei gedacht hat (und ob er sich überhaupt etwas gedacht hat.)
Auch Schriftsteller können schrecklich penetrant sein. Viele nerven immer wieder damit, von ihrem neusten Roman zu erzählen, ich hatte sogar einen eitlen Bekannten, der an meinem Geburtstag aus seinem neusten Buch vorlesen wollte. Ich habe ihn nicht wieder eingeladen, schließlich hatte ja ich Geburtstag!
Wie es um meine persönliche Eitelkeit bestellt ist, kann ich nicht so genau sagen. Ich hoffe mal, dass ich nicht ganz so penetrant bin (als Frau und als Kinderbuchautorin), aber ich reagiere auch schnell total gekränkt, wenn jemand mein Schreiben kritisiert, und als mir vor kurzem mal ein Verlag das Cover meines neusten Buches als Vorschlag zuschickte, fiel mir sofort auf, dass mein Name falsch geschrieben war. Anette mit einem n. Das sieht aber auch wirklich unvollständig aus!


Eine Ausnahme unter den Schriftstellern muss Wilhelm Hey gewesen sein. Vielleicht lag es daran, dass er sein Schreiben in den Dienst der Pädagogik gestellt hat. Seine Fabeln und Gedichte sollten den Schülern die Freude an er Natur vermitteln. Auch kleine Lehren sind mit den Texten verknüpft, wie zum Beispiel, dass man die Natur schützen oder das schwächere Lebewesen achten muss.
Wilhelm Hey hat seine Texte nicht archiviert und sein Lebenswerk an eine Nachkommenschaft übergeben, die es schützen sollte. Er hat sich auch nicht in Tagebüchern verewigt. Über ihn etwas herauszufinden, ist kleinschrittige mühevolle Arbeit. Umso erstaunlicher, dass sich um diesen bescheidenen Mann, der vergänglich sein wollte, eine Gruppe an Menschen gebildet hat, die Nachforschungen über sein Leben angestellt haben und es zu einem kleinen und feinen Museum zusammengetragen haben.
An einem sonnigen Nachmittag im Mai besuche ich die „Wilhelm-Hey-Gesellschaft“ in Leina, wo der Pfarrerssohn aufgewachsen ist. Johann Wilhelm Hey hat kein einfaches Leben, verliert früh seine Eltern und wächst bei seinem Bruder auf. Er wird dann Lehrer, studiert schließlich Theologie und übernimmt eine Pfarrerstelle in der Nähe von Gotha. Mit seinen Fabeln für Kinder wird er weltbekannt. Sie werden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Es rührt mich, dass sich ausgerechnet um diesen bescheidenen Autor, der so gar kein Aufhebens von seinem Wirken macht, ein Kreis an Menschen gefunden hat, die sich um seinen Nachlass kümmern und ihn verwalten.
Ich sitze mit Dieter Vogel, Ingrid Schwarz und Christel und Reinhard Kratochwil zusammen bei Kaffee und Kuchen unter der großen Linde im schönen Garten im beschaulichen Leina und kann ein bisschen nachvollziehen, wie es ihm hier in dem Pfarrhaus gegangen ist. Später bekomme ich sogar noch eine unglaubliche Vorstellung von einem „Fabelhaften Heytheater“, wie die Gesellschaft es nennt. Hier sind Bilder auf einer Leinwand angebracht, die durch eine ganz besondere Mechanik an einem vorbeiziehen, während gleichzeitig der Text verschiedener Fabeln gelesen wird. Das ist wirklich eindrucksvoll.
Irgendwie haben diese netten Menschen der Wilhelm Hey Gesellschaft genauso viel freundliche Bescheidenheit wie der Dichter selbst, sodass man sagen kann: Wie schön, dass sie zueinander gefunden haben. Sie haben einander verdient.


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